Ist das besonders oder kann das weg?

Oder warum wir nicht alles an die große Glocke hängen sollten.

Was ist für uns eigentlich besonders? Wie definieren wir das und wie übertreiben wir die Funktion und Identität eines Ereignisses, Gegenstandes oder einer Person?

Vor einiger Zeit habe ich mir darüber Gedanken gemacht, was eigentlich “besonders” ist. Der Duden definiert das so:

Besonders Duden

Ich finde dabei die Definition “außerordentlich” sehr gut. Denn etwas Besonderes ist immer etwas, das nicht regulär ist, das heraussticht und sich abhebt. Dennoch denke ich auch, dass wir manche Dinge in unserem Leben, für mehr besonders halten, als andere, obwohl diese einen ähnlichen Charakter besitzen.

Das Alter spielt eine Rolle

Das Alter spielt eine besondere Rolle

Wenn uns etwas in jungen Jahren widerfährt, dann ist es meist nicht so besonders. Wenn uns dann aber das gleiche in hohem Alter widerfährt, ist es meist sehr besonders.

Beispielweise ist es nicht so besonders im jugendlichen Alter seinen ersten Alkoholrausch zu haben. In hohem Alter das erste mal betrunken zu sein, erachten wir aber als so realitätsfern, dass es als besonders gelten muss. Schließlich war doch jeder mal in seiner Jugend betrunken!

Ich habe dazu jetzt zwei Theorien.

Entweder wird etwas für mehr besonders gehalten, wenn der Akteur, sich dessen eher bewusst ist. Wenn er schon die Bedeutung des Ereignisses kennt und es mit seiner Umwelt teilen kann.

Beispiel: Ein Zahn fällt einem kleinen Kind aus. (Trifft allerdings nicht auf das Alkoholbeispiel zu.)

Oder aber: Etwas gewinnt an Bedeutung im Hinblick auf den Grad der Besonderheit, wenn man älter ist, da man dieses Ereignis durch die lange Lebensdauer und somit hohe Lebenserfahrung bereits erlebt haben müsste.

Andererseits gibt es aber auch Dinge, die ein gleiches Maß an Besonderheit im jungen sowie im späten Alter haben. Ein Knochenbruch beispielsweise wird bei jungen Menschen immer sehr dramatisiert, obwohl diese eine hohe Regeneration haben. Im Alter wird ein Knochenbruch aber ebenso dramatisiert, da dort die Sorge hoch ist, dass solch eine Verletzung das Leben des Verletzten dauerhaft einschränkt. Weiterhin ist jede Verletzung im Alter auch gleich ein gesellschaftlich akzeptierter und metaphorischer Vorbote des Todes, der uns im Alter immer näher zu kommen scheint.

Die Häufigkeit ist entscheidend

Gelbes Auto in schwazweißer Umgebung ist besonders

Wenn wir beim Beispiel des Knochenbruchs bleiben, dann ist die Häufigkeit hier sehr entscheidend. Denn wenn wir uns das erste mal einen Knochen brechen, dann ist das besonderer als wenn wir uns zum fünften Mal einen Knochen brechen. Mit der Häufigkeit eines Ereignisses stumpfen wir also ab.

Ich beziehe mich hier nicht auf Häufigkeit im rein zeitlichen Rahmen. Beispielsweise kann ein Künstler besonders sein, wenn zum Beispiel ein Bild von ihm/ihr in einer Galerie ausgestellt wird. Wenn aber eine Ausstellung lediglich aus Werken eines Künstlers besteht, dann ist ein Bild unter vielen meist nicht besonders. Also stumpfen wir in diesem Sinne genauso ab, wie im vorherigen Beispiel.

Erste Male

Aber warum sind manche erste Ereignisse so besonders?

Warum ist es so besonders, dass wir unser erstes Mal haben, aber warum ist es nicht besonders den ersten Atemzug nach unserer Geburt zu tun?

Kommt das daher, dass es schlichtweg erwartet wird, dass wir atmen?

Aber wird es denn nicht genauso erwartet, dass wir irgendwann einmal unser erstes Mal haben werden?

Das sind beides ganz natürliche Dinge, dennoch wird eines für besonderer als das andere gehalten. Möglicherweise zählt dabei die Anstrengung zur Erreichung dieses ersten Mals eine Rolle. Denn Atmen kann ja jeder, das erste Mal zu haben, gestaltet sich schon etwas schwieriger, denn dafür ist eine weitere Person notwendig und diese gilt es zu “überzeugen”. Klingt hier bisschen hart, ist allerdings genau so.

Vielleicht liegt es aber auch einfach an der Dauer des jeweiligen Ereignisses. Zu kurz und wir erachten es nicht als sehr besonders, weil wir es mit den Sinnen kaum greifen können. Zu lange und es ist nicht mehr besonders, weil es einem Dauerzustand ähnelt und somit nicht mehr außerordentlich ist und wir erneut abgestumpft werden.

Ein Ereignis muss also dazwischen liegen, um auch als besonders deklariert zu werden. Wo wir dabei die Grenze ziehen, ist wahrscheinlich von Individuum zu Individuum unterschiedlich.

Es liegt im Auge des Betrachters

Warum versuchen wir immer allen Leuten, die wir treffen, unsere Normen aufzuzwingen?

Alles was dann davon abweicht gilt sofort als “besonders”. Nur weil wir schon hier und dort hingereist sind, ist es doch nicht besonders, wenn unser Gegenüber noch nie Außerhalb seines Heimatlandes war, oder doch?

Manche Menschen setzten eben ihre Prioritäten anders, manche besitzen vielleicht auch einfach nicht das Geld für solche Sachen oder sparen ganz einfach auf eine größere Investition.

Müssen wir unseren ersten Flug schon vor dem Erreichen des 21. Lebensjahr von unserer Erste-Mal-Liste abgehakt haben?

Müssen wir so schnell wie möglich all diese Lebenserfahrungen sammeln, obwohl wir wahrscheinlich noch ewig viel Zeit dafür haben werden?

Oder haben wir insgeheim alle Angst wir könnten etwas verpassen, weil etwas anderes passiert, das nicht in unserer Macht steht?

Muss man denn überall immer mitreden können und sollten wir uns nicht eher darüber freuen, dass wir manche Dinge noch zum ersten Mal erleben dürfen?

Ich denke viele Sachen werden auch einfach überspitzt und sind gar nicht so besonders, wie wir uns diese immer vorstellen. So kann es dann passieren, dass wir schnell von ach so besonderen Ereignissen enttäuscht werden können, weil diese von der Gesellschaft und Medien, wie beispielsweise Hollywood so übertrieben dargestellt werden.

Interessanterweise gibt die Google-Bildersuche auch kein eindeutiges Ergebnis, wenn man nach “etwas besonderes”, “Besonderheit” oder ähnlichem sucht. Es gibt schlichtweg keine eindeutige Definition für diese Eigenschaft, da sie eine ganz andere Definition überall dort annimmt, wo der Betrachter ein anderer ist.

Eine kleine Anekdote

Im Rahmen meines Deutschunterrichts in der Schule, sollten wir ein Mal alle Dinge mitbringen die wir mit Romantik in Verbindung bringen, denn es sollte den Einstieg in das Thema “Epoche der Romantik” erleichtern. Meine Lehrerin brachte uns Ausschnitte von Datingportalen mit, Einige brachten Kerzen, Andere Rosen. Ich hatte gar nichts dabei.

Einfach nichts.

Denn was für mich damals, wie heute klar ist, dass im Grunde jeder Gegenstand romantisch sein kann.

Je nachdem welches Ereignis mit diesem Gegenstand in Verbindung gebracht wird, kann er einen hohen sentimentalen Wert annehmen. Ich meine sogar ein einfacher Stein kann romantisch sein, wenn dieser beispielsweise beim ersten gemeinsamen Treffen gleichzeitig von beiden Personen aufgehoben werden wollte. Es kann aber genauso gut ein bestimmtes Gericht oder ein Ort sein. In der bekannten Serie “How I Met Your Mother” ist es beispielsweise ein blaues Horn. Außenstehende können ganz oft nicht den persönlichen Wert eines Gegenstandes, Ortes, usw. erkennen.

In dieser Hinsicht, kann also wahrlich alles besonders, oder wie hier eben romantisch sein. Wie wir das für uns selber definieren, sollte auch unser eigenes Problem sein, aber vielleicht sollten wir manche Dinge, die von der Gesellschaft überspitz werden, einfach nicht so sehr an die große Glocke hängen.

Und damit besonderen Dank fürs Lesen und

bleibt auf Umwegn!

“Old Woman” Photo by Cristian Newman

Über UMWEGN

Seit 2016 schreibe ich nun auf UMWEGN. Das alles startete in Begleitung zu meinem Buch und mehr als ein Experiment. Mittlerweile möchte ich das Buch, den Blog oder den Podcast nicht mehr missen. Auf UMWEGN geht es um Gesellschaft, Kommunikation, Selbstentwicklung und hin und wieder um philosophisches. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!

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7 Antworten auf „Ist das besonders oder kann das weg?“

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