Rücksichtnahme – zu viel, zu wenig?

Freitag am frühen Abend. Du steigst in die U-Bahn in Richtung einer Bar, wo du dich mit deinen Freunden auf das verdiente Feierabendbier triffst. Die U-Bahn ist mäßig gefüllt, es ist erst kurz nach der Rush-Hour. Einige Plätze sind frei und deshalb entscheidest du dich dich hinzusetzen, da du ein paar Stationen fahren musst.

Deine U-Bahn kommt an einer zentralen Station vorbei, viele Menschen steigen aus und viele wieder ein. Plötzlich vernimmst du laute Musik aus dem hinteren Wagonteil deiner U-Bahn. Bei einem kurzen Blick nach hinten siehst du eine Gruppe Jugendlicher, die mittels einer Box den ganzen Wagon beschallen.

“Wie rücksichtslos” denkst du dir.

Wenn doch nur Menschen rücksichtsvoller wären, dann wäre die Welt ein ruhigerer Ort. Kein Lärm, keine nervend laute Musik, die dich bis zu deiner Endstation begleitet und vielleicht auch keine Bauarbeiter die vor 8 Uhr mit dem Bohren beginnen.

Aber warum sind viele Menschen so rücksichtslos? Oder nicht so rücksichtsvoll wie man selbst? Natürlich sind wir selbst Propheten der Rücksicht und alle sollten so sein, wie wir. #amen

Die verschiedenen Faktoren

Ich denke, dass wir, um rücksichtsvoll sein zu können, noch andere Eigenschaften inne haben müssen. Beispielsweise müssen wir aufmerksam sein. Weshalb? Na, ganz einfach deshalb, weil wir nicht auf Dinge Rücksicht nehmen können, die uns nicht auffallen.

Wenn den Jugendlichen nicht auffällt, dass sich die Menschen von ihrer lauten Musik in der U-Bahn gestört fühlen, dann werden sie sie einfach weiter laufen lassen. Ganz ohne Rücksicht.

Man kann natürlich die Bedürfnisse anderer Menschen auch abschätzen. Das ist wohl die höchste Form der Rücksicht: Schon Rücksicht auf Bedürfnisse unserer Mitmenschen nehmen bevor sie jemand überhaupt erst geäußert hat. Allerdings ist diese Form der Rücksichtnahme auch nicht alltagstauglich. Weshalb, erkläre ich weiter unten.

Wer nimmt auf wen Rücksicht?

Rücksichtnehmen in der U-Bahn

Weiterhin besteht die Frage, wer auf wen Rücksicht nimmt. Es ist eine Frage der Gewichtung der Bedürfnisse.

Mal angenommen, die Jugendlichen, die in die U-Bahn gestiegen sind, sind zu viert. In der U-Bahn sind alle Vierer mit mindestens einer Person belegt. Das Bedürfnis des Viererpacks ist es sich hinzusetzen. Natürlich wollen sie zusammen bleiben. Das Bedürfnis der Umliegenden ist es, eine ruhige U-Bahnfahrt zu haben und sich nicht zu bewegen.

Nehmen die Umliegenden jetzt Rücksicht auf die vier Jugendlichen und rücken so zusammen, dass sie letzten Endes zusammen sitzen können? Oder nehmen die Jugendlichen Rücksicht auf die Umliegend und akzeptieren, dass diese sich nicht extra umsetzen möchten?

Gut, im Alltag ist dieses Beispiel wohl schnell geklärt. Hier gilt einfach die Regel: wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Fallen euch an dieser Stelle Beispiele ein, in welchen sich zwei Personen mit gegensätzlichen Bedürfnissen gegenüberstehen? Wer sollte hier Rücksicht nehmen? Schreibt es mir mal in die Kommentare!

Warum Rücksichtnahme ein social Skill ist

Wenn wir auf unsere Mitmenschen Rücksicht nehmen, dann zeugt das davon, dass wir ihnen zuhören. Aber nicht nur zuhören, sondern auch ihre Körpersprache, Mimik und Gestik beobachten, erkennen und verstehen. Es zeigt einfach, dass die Kommunikation beziehungsweise die Signale die von unserem Gegenüber gesendet werden auch ankommen.

Wenn wir gegenseitig aufeinander Rücksicht nehmen, dann wird unser Miteinander ganz von alleine verbessert.

Gleichzeitig zeigt Rücksichtnahme, dass wir Respekt vor der anderen Person haben. Denn wenn ich respektlos mit jemanden Umgehe, dann nehme ich auch keine Rücksicht auf die Bedürfnisse und Präferenzen der anderen Person.

Zu viel und die persönliche Rücksichtnahme

Natürlich, können und sollten wir Rücksicht auf uns selbst nehmen.

Das ist auch hin und wieder notwendig um im ständigen Rücksicht-auf-andere-nehmen nicht mit den eigenen Bedürfnissen unterzugehen. Wer immer nur “ja” zu andern und stets “nein” zu sich selbst sagt, wird auf dauer Burnout oder eine andere psychische Erkrankung erleiden.

Das ist auch der Grund, weshalb die höchste Form der Rücksicht:

Schon Rücksicht auf Bedürfnisse unserer Mitmenschen nehmen bevor sie jemand überhaupt erst geäußert hat.

nicht alltagstauglich ist. Wenn wir nämlich ständig in Gedanken an die Bedürfnisse anderer versinken und stets in der Angst leben, diese irgendwie nicht zu beachten, werden wir nach und nach lebensunfähig.

Es ist eine Frage der Balance der eigenen und der fremden Bedürfnisse.

Für alle, die sich gerne nach anderen richten: Es ist nur dann möglich so viele Bedürfnisse anderer wie möglich zu erfüllen, wenn unsere eigenen bereits erfüllt sind. Andernfalls fehlt uns die physische sowie die psychische Energie.

Eine rücksichtsvolle Welt?

Rücksicht auf Privatsphäre

Ich halte es für eine schöne Vorstellung in einer rücksichtsvollen Gesellschaft zu leben. Jedenfalls zunächst. Denn zunächst, stelle ich mir eine ruhige, sehr angenehme, zuvorkommende Gesellschaft, ohne Angst vor Spionage (Rücksicht auf Privatsphäre), ohne Angst vor Einbrüchen (Rücksicht auf Eigentum von anderen) und ohne Angst vor dem Ende unseres Planete (Rücksicht auf die Umwelt) um an dieser Stelle nur einige Beispiele zu nennen.

Wenn ich mir das allerdings so recht überlege, dann ist es hin und wieder echt efrischend Ignorant zu sein. Zum Thema Ignoranz habe ich vor einiger Zeit bereits einen Blogartikel verfasst. Dieser befindet sich jetzt im Archiv. Und es ist mir ganz egal, ob ihr ihn jetzt lesen wollt oder nicht.

Ich könnte an dieser Stelle natürlich auf alle Personen, die diesen Blog lesen Rücksicht nehmen und alle Beiträge online lassen. Das zieht aber auf Dauer die Performance meines Blogs runter. Und da ich mich bemühe hiermit bekannter zu werden, ist das genau das Gegenteil meines Bedürfnisses. Hinsichtlich dieses “Konflikts” stelle ich ganz klar meine Bedürfnisse über eure.

Und mal ganz ehrlich… jeden Tag um 22:00 Uhr die Musik leiser zu drehen, nervt doch auch irgendwann. Na ja, spätestens am Wochenende jedenfalls. Ich glaube wenn wir immer mehr Rücksicht nehmen würden, würden es irgendwann nur noch Verbote geben. Je nach dem welche Bedürfnisse wir natürlich priorisieren, ist ja klar.

Weiterhin stelle ich mir solch ein permanent rücksichtsvolles Leben als sehr anstrengend vor. Und da es uns ja meistens in der Komfortzone am bequemsten ist, lassen wir die Überlegung einer solch utopischen Gesellschaft schnell wieder fallen. Und Außerdem würde uns stets die Angst, nicht auf alles Rücksicht genommen zu haben, beschleichen. Auch dann, wenn die Menschen Rücksicht darauf nehmen, dass das eben mal passieren kann.

So nachdem ich dieses tolle Wort jetzt 1000 mal benutzt habe, lass ich es jetzt aus Rücksicht auf euch sein! 🙂

Vergesst nicht eure Beispiele von Situationen, in welchen sich zwei Personen mit gegensätzlichen Bedürfnissen gegenüberstehen in die Kommentare zu schreiben!

Vielen Dank fürs Lesen und

bleibt auf Umwegn!

unsplash-logo“U-Bahn” Foto: Adi Goldstein

unsplash-logo“Rücksichtnahme” Foto: Tom Parsons

unsplash-logo“Privatsphäre” Foto: Kai Brame

2 Antworten auf „Rücksichtnahme – zu viel, zu wenig?“

    1. Hey TW,

      danke für deinen Kommentar!
      Gutes Zitat, das hätte ich tatsächlich noch in den Beitrag einarbeiten können. Jedoch wäre mir das ohne eine ausführliche Diskussion des komplexen Begriffs “Freiheit” nicht gelungen.

      Vereinfacht stimmt es, dass wir, wenn wir Rücksicht auf andere nehmen unsere Freiheit einschränken und den anderen somit mehr Freiheiten geben. Dementsprechend auch der Abschnitt zur Balance dieser ganzen Rücksichtnahme. Wie so häufig gilt: Die Dosis macht das Gift!

      Liebe Grüße

      Lorenzo

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