Digitale Kommunikation

Ein Diskurs über unsere heutige Kommunikation

“Damals haben wir uns einfach angerufen und das war dann abgemacht!”

“Wir haben uns an der Telefonzelle verabredet. Da war Pünktlichkeit ein Muss!”

Ja, ja, komm wir haben es verstanden.

Früher war alles besser, klar.

Die heutige Kommunikation wird durch Messenger zerstört

Das heißt es jedenfalls immer, wenn man mit Menschen spricht, die nicht mit diesem Kommunikationsmedium aufgewachsen sind.

Diese Leute sind auch Verfechter der einleitend geschilderten Aussagen. Aber was stimmt an dieser These?

Kommunikation damals – Kommunikation heute

Früher war alles einfacher. Es gab Telefon, Face-to-Face (bzw. über mehrere Personen) und Briefe als Formen der Kommunikation.

Heutzutage gibt es neben diesen dreien noch SMS/MMS, E-Mail, Instant-Messaging (Text, Memo, Bild, Video, etc.), Videoanrufe und etliche Abwandlungen dieser ganzen Formen.

Stapel alter Briefe mit Stift und Tintenfass

Der Eintritt dieser modernen Kommunikationsformen in unser Leben hat die Art wie wir kommunizieren verändert. Die Kommunikation hat sich eindeutig verschnellert. Die Klassiker, Telefon und Face-to-Face, sind natürlich immer noch die schnellsten Kommunikationsarten, allerdings ist im Hinblick auf textbasierte Nachrichten ein deutlicher Geschwindikeitsanstieg zu vernehmen.

Ich meine so einen Brief schreiben, frankieren und verschicken dauert nun einfach lange. Im Gegensatz dazu ist eine Whatsapp-Nachricht in Millisekunden beim Empfänger.

Vor allem aber auch die zunehmende räumliche und zeitliche Unabhängigkeit hat die Art, wie wir uns Unterhalten verändert. Es ist jetzt möglich nebenbei auch noch tausend andere Dinge zu erledigen. Oder sich eben von langweiligen Konversationen abzulenken, die wir aber nicht unterbinden möchten, da wir nicht unhöflich erscheinen möchten.

Ein weiterer Faktor sind die Kosten. Viele moderne Kommunikationswege sind kostenlos oder mit deutliche niedrigeren Kosten als ihre “Retro”-Kollegen verbunden. Wer Briefe schreibt weiß, dass das auf Dauer echt teuer werden kann. Wer früher viel telefoniert hat weiß ebenfalls, dass auch das sehr teuer werden kann. Vor allem dann, wenn es sich um internationale Gespräche handelt.

Erleichtertes Antworten erschwert das Antworten

Um es mal festzuhalten oder zusammenzufassen: Kommunizieren ist ortsunabhängig, günstig, schneller und somit deutlich einfacher geworden.

Was bedeutet das nun für die Kommunikation untereinander?

Ich denke, dass die mögliche Geschwindigkeit uns unbedachter antworten lässt. Wer kennt nicht diesen Moment, wenn die Finger wieder schneller als die Gedanken waren und wir etwas total missverstanden haben? Ist uns doch allen schon einmal passiert!

Klar, das kann natürlich auch von Angesicht zu Angesicht passieren, allerdings veranlassen uns Mimik, Gestik und Tonalität der Stimme dazu, Dinge seltener falsch zu verstehen. Diese Faktoren fehlen uns bei der digitalen Kommunikation häufig.

Zusätzlich kommt der Druck den wir unbewusst verspüren, wenn das Gegenüber sieht, dass wir online sind. Dann müssen wir antworten, alles andere wäre doch einfach unhöflich!

Massen-/Gruppenkommunikation ist besonders betroffen

Person alleine sitzend vertieft ins Smartphone

Das größe Problem sehe ich aber darin, dass es heutzutage so einfach ist eine Nachricht an viele Menschen zu senden. Wer kennt keine:

  • riesigen Verteiler- oder CC-Listen?
  • Whatsapp-Gruppen mit hunderten Teilnehmern und keiner eindeutigen Kommunikation?
  • unbeantworteten Nachrichten, durch unpräzise Ansprache?
6 Personen sind die kritische Masse ab welcher wir keine Antwort mehr erwarten dürfen. Dann schlägt die Gruppenkommunikation fehl. Klick um zu Tweeten

Ich wage an dieser Stelle mal diese steile These aufzustellen, dass es ab einer kritischen Teilnehmerzahl von 6 Personen in einer Unterhaltung zur Nicht-Beantwortung einer Nachricht kommt.

Dieses Verhalten können wir darauf zurückführen, dass ab dieser Anzahl die jeweils anderen davon ausgehen, dass schon jemand antworten wird. Oder, dass sie sich nicht davon angesprochen fühlen und somit davon ausgehen, dass die Nachricht für jemand anderen bestimmt war.

Die Folge ist bei beiden Varianten klar: Wir bekommen keine Antwort.

Ebenso weit verbreitet ist das schlichte nicht Antworten entweder auf die Frage, ob man zu diesem oder jenem Termin verfügbar ist oder auf die Frage der Zustimmung/Anteilnahme, etc.

Frei nach dem Motto: “Wenn ich nicht antworte, zeugt das von meiner Ablehnung/nicht Verfügbarkeit/Meinungsverschiedenheit, etc.”

Auswirkungen der digitalen Kommunikation

Was sind also die Folgen von unserer digitalen Kommunikation, wie wir sie heutzutage betreiben?

Klar ist, dass wir häufig länger brauchen einfache Sachverhalte oder Informationen zu kommunizieren. Dabei ist egal, dass die Kommunikation heutzutage soo schnell möglich ist. Denn wenn wir dadurch nur unverständlich kommunizieren, weil wir zugunsten der Geschwindigkeit zu kurz oder zu schnell antworten, sind jegliche Geschwindigkeitsvorteile hinfällig.

Weiterhin kann die Massenkommunikation nicht das bewerkstelligen, was wir uns wünschen. Gruppenchats und Verteilerlisten sind noch lange kein Garant für die erfolgreiche Massenkommunikation. Es ist bequem und einfach mit vielen Menschen gleichzeitig Informationen zu teilen. Jedoch ist das auch nur so lange erfolgreich, wie es keiner Antwort bedarf. Ab der kritischen Anzahl von 6 Personen können wir damit rechnen überhaupt keine Antworten zu bekommen, weshalb in dieser Hinsicht die Kommunikation dann gänzlich fehlschlägt.

Außerdem kann es durch die digitale Kommunikation zu weniger realer Kommunikation kommen. Wenn wir uns in Chats und Nachrichten aufgehoben und verstanden fühlen, flüchten wir mit unserer Sehnsucht nach Interaktion mit anderen Menschen in das Internet. Es ist klar, dass wir reale Interaktion nicht ersetzen können, jedenfalls noch nicht.

Interessant ist ebenfalls, dass nicht nur unsere Generation, die mit den vielen verschiedenen Arten dieser digitalen Kommunikation aufgewachsen ist, von den Auswirkungen betroffen ist, sondern auch die unserer Eltern und ggf. sogar unserer Großeltern. Gut, es ist mittlerweile auch schwer geworden sich diesen Kommunikationsformen zu entziehen, man sollte vor dem Hintergrund der früher verfügbaren Kommunikationsarten allerdings meinen, dass die älteren Generationen weniger anfällig für die heutigen geschilderten Probleme sind.

Antwortet ihr schweigsamen Seelen!

Meine Hoffnung und Empfehlung an euch an dieser Stelle ist, dass wir wegkommen von diesem Schweigen, anstelle einer Antwort. Ich weiß, ich weiß, der gute Paul Watzlawick hat schon gesagt:

Man kann nicht nicht kommunizieren


Schreiendes Kind

Aber anders als beim Wald schreit es beim Hineinschreien in den Gruppenchat nicht genauso wieder heraus. Vielmehr wird einfach alles verschluckt. Und man fühlt sich selbst als Schreiender einfach nur verloren.

Deshalb Antwortet einfach! Meistens tut es schon ein simples “nein” oder “ich kann nicht” aber bitte bitte, antwortet doch!

Was sagt ihr dazu? Antwortet ihr oder seid ihr ebenfalls eine der schweigsamen Seelen? Schreibt mir doch gerne einen Kommentar und lasst uns sehen, ob die Kommunikation gut funktioniert oder nicht. 🙂

Vielen Dank fürs Lesen und

bleibt auf Umwegn!

unsplash-logo“Briefe” Foto von Joanna Kosinska

unsplash-logo“Texting” Foto von Ali Yahya

unsplash-logo“Schreien” Foto von Jason Rosewell

2 Antworten auf „Digitale Kommunikation“

  1. Ich breche mal das Schweigen….
    Von meinen Eltern habe ich beigebracht bekommen, dass man Menschen, die man auf der Strasse trifft grüßt.
    Ebenfalls, dass man sich als Kind für eine Scheibe Lyoner beim Metzger bedankt.

    Auf eine Aktion folgt eine Reaktion.
    Und warum hat das geklappt?
    Es war persönlich. Face-to-face.

    Wenn ich heute keinen Bock habe mit jemandem zu sprechen, schicke ich eine Nachricht.
    Wenn mich heute ein Thema in einem Gruppenchat nicht interessiert, kann ich austreten.
    Wenn mir heute jemand eine Frage via WhatsApp stellt, die ich nicht beantworten will, sitze ich es aus.

    Face-to-Face ist das schwieriger. Man kann nicht so leicht ausweichen.

    Als Freund der neuen, schnellen und digitalen Kommunikation wäre es wünschenswert, die „alten“ Tugenden wieder aus der Kammer zu holen und zumindest auf Nachrichten zu reagieren.

    Allen voran die ältere Gesellschaft, die sich den neuen Kommunikationsmitteln bedient, aber der Tugend, die sie weitergegebenen hat entzieht.

    1. Hallo Butsch,

      danke für deinen Kommentar!

      Guter Punkt! Die Flucht aus der, ich nenne es hier mal, “Verpflichtung” ist tatsächlich einfacher geworden.

      Erstaunlich finde ich, deinen letzten Satz. Beobachtest du das häufig, dass ältere Menschen nicht antworten? Ich empfinde das eher als ein Problem der jüngeren, aber eigentlich auch aller Altersklassen, die die digitale Kommunikation benutzen.

      Liebe Grüße

      Lorenzo

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